Neuer Trend: Schach im Dunklen?

Berlin! Woran denken Sie? Brandenburger Tor, Reichstag, Mauer, Merkel, Checkpoint, Fußball? Ja ich auch. Aber haben Sie schon einmal vom Kühlhaus in Berlin gehört? Nein?! Ich auch nicht. Die Schachspieler Caruana, Kramnik, Karjakin & Co wahrscheinlich auch nicht. Ein Kühlhaus als Austragungsort für das wichtigste Schachturnier der Welt? Klingt abenteuerlich. Kling kalt. Aber irgendwie auch modern. Gekühlte Ware ist in Zeiten der Globalisierung ein begehrtes Gut. An was die Spieler sicher nicht dachten ist ein (nicht nur halb verfallenes) uraltes Gebäude Mitten in Berlin Kreuzberg.

Dementsprechend groß war wahrscheinlich auch der Kulturschock der Schachspieler, die hier über mehrere Wochen hinweg gedachten den vielleicht bald besten Schachspieler der Welt zu ermitteln. Schach in der Geisterbahn titelte bereits ChessBase. Sergey Karjakin antwortete in der Pressekonferenz nach der ersten Runde auf die Frage, was ihm hier gefalle mit „gar nichts“.

Schach in der Geisterbahn?

Dementsprechend vorbereitet trafen die Mömbriser Marius Böhl und Jonathan Simon zusammen mit Stefan Scholz vom SC Königsspringer Alzenau am Freitag, den 23.03.2018 in Berlin ein. Das Hostel und ein vorzüglicher Italiener waren schnell gefunden, dann machten wir uns auf zum Kühlhaus. Die Verfallserscheinungen an der Fassade wurden durch ein riesiges schwarzes Stofftuch kaschiert, welches auf das Kandidatenturnier und die Präsenz der FIDE hinwies. Der Haupteingang in das Gebäude des vorletzten Jahrhunderts war wohl höheren Persönlichkeiten vorbehalten. Das gemeine Zuschauervolk wurde durch einen lila erleuchteten (ebenfalls uralten) Steintunnel zu einem mit Holzbrettern präparierten Hintereingang geführt. Drinnen angekommen vergaß man sofort welche Tageszeit gerade draußen war. Hier war es nur schwarz und dunkel und alt. Uralt. Wo uns kein halb verfallenes Mauerwerk entgegen starrte, blickten wir auf tief schwarze Stoffverhüllungen. Wird eigentlich schon ein Verbot der Vollverschleierung für Gebäude diskutiert? Jetzt vielleicht schon… Zweiklassengesellschaft gibt es heutzutage nicht nur bei der Deutschen Bahn, sondern neuerdings auch beim Schach! Hier waren es sogar drei Klassen: Gold, Silber und Weiß (es gab auch noch Grün, dessen Bedeutung mir aber „Schleier“-haft blieb). Wir hatten uns immerhin Tickets der Kategorie Silber geleistet und bekamen entsprechende Bändchen. An jeder Ecke postierte wachsame Aufseher, natürlich vollkommen in Schwarz, achteten von nun an höllisch darauf, dass sich jeder seiner Klasse gemäß bewegte und nicht in upper-class-Territorium schritt. Das Kühlhaus besteht aus vier Stockwerken. Die Spieler spielten im Erdgeschoss, während sich die Zuschauer auch auf Galerien im ersten, zweiten oder dritten Stock begeben konnten. Von dort konnten sie stehend, und nur stehend, auf das Geschehen unten hinabblicken. So richtig erkennbar waren die kleinen Holzfiguren vom dritten Stock aus allerdings auch nicht mehr. Wenigstens sorgten ein paar Bildschirme vor dunklen Sitzecken für entsprechende Stellungsbilder. Die Sitzecken waren sogar so dunkel, dass sich Stefan zu einem sehr ausführlichen Nachmittagsschläfchen verleiten ließ und das Remis zwischen Wesley So und Shakhriyar Mamedyarov somit verschlief. Ich weiß natürlich nicht, ob die dunkle verfallene Umgebung auch auf Stimmung und Wachheit der Spieler drückte, die Veranstalter versuchten offenbar mit hellen Strahlern dem Abhilfe zu verschaffen. Vielleicht ist es aber auch ein state-of-the-art Trend: Schach im Dunklen. Der letzte Schrei des Schachsports? Die Mainaschaffer können da auch schon ein Lied von singen. Ich verweise auf meinen Bericht Es werde Licht!

Nun denn, der Worte sind genug gewechselt, wir wollen nun auch Taten sehen. Alles in allem war es natürlich schon ein sehr spannendes Erlebnis. Die acht weltbesten Schachspieler in einem Raum versammelt zu sehen, ist schon etwas Besonderes. Das Blitzen der Spieler in der Zeitnotphase, die obligatorische weiße Plastiktüte Grischuks, der Kaffeekonsum der Kontrahenten usw. sorgte für reichlich „Insiderinformationen“, wie Manuel sich ausdrückte. Später durften die Zuschauer auch live bei den Pressekonferenzen dabei sein und sich die Kommentare der Spieler zu ihren Partien ansehen. Sogar Autogramme wurden reichlich gegeben. Es gab auch eine Live-Kommentierung, die leider im gleichen Raum wie der allgemeine Spiel- und Aufenthaltsraum war, und somit akustisch wenig verständlich. Werfen wir nun noch einen Blick auf die vier Partien des Nachmittags, spannend waren sie durchaus.

So, Wesley – Mamedyarov, Shakhriyar  

Die Partie begann mit einer katalanischen Eröffnung (Hauptvariante mit 7. Dc2, c6), verflachte aber sehr bald in ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern und Mehrbauer für Wesley. Es war ganz lustig zu sehen, wie Wesley, mit einem Grinsen auf dem Gesicht, das Remisangebot seines Gegners ablehnte. Wenige Züge später einigten sich die Kontrahenten aber dennoch friedlich.

Caruana, Fabiano – Kramnik, Vladimir

Fabiano wurde in der Eröffnung überrascht und verfiel schon im sechsten Zug in längeres Nachdenken. Kramnik wählte die folgende Neuerung in der Variante, die nach 1.c4, e6 2. Sc3, d5 3. d4, c6 4. e4, dxe4 5. Sxe4 normalerweise nach 5. …, Lb4+ 6. Ld2, Dxe4 in ein sehr scharfes Gambit überleitet. Statt 5. …, Lb4+ spielte Kramnik allerdings 5. …, c5!? und bot seinerseits ein Bauernopfer an.

Caruana, F. – Kramnik, V.

Stellung nach 5. …, c5!?

Es folgte 6. Sxc5, Sc6 7. Sf3, Sxd4 8. Dxd4, Dxd4 9. Sxd4, Lxc5 10. Sb5, Ke7. Kramnik wusste offenbar was er tat, und im 40. Zug wurde in einem Bauernendspiel Remis vereinbart.

Pressekonferenz nach der Partie

Aronian, Levon – Karjakin, Sergey

Für Aronian war das Turnier zu diesem Zeitpunkt schon gelaufen und er hatte keine Hoffnungen mehr irgendetwas zu erreichen. Karjakin, mit 1 aus 4 gestartet, setzte allerdings nochmal zu seinem Endspurt an. Es war erneut eine katalanische Eröffnung. Am Ende gewann Karjakin, Aronian machte einen schlichtweg demotivierten Eindruck auf der abschließenden Pressekonferenz.

Ding, Liren – Grischuk, Alexander

Eine wahre Seeschlange von fast 100 Zügen und ein hochtaktisches Feuerwerk im Mittelspiel produzierten Ding Liren und Alexander Grischuk. Die Partie startete mit 1. c4 und ging dann in eine Variante des angenommenen Damengambits über. Nach 21 Zügen kam es zu folgender Stellung:

Ding, L – Grischuk, A

Stellung nach 21. …, Kf8

In dieser Stellung setzte Ding zu einem fantastischen Angriff an, eingeleitet durch das doppelte Bauernopfer 22. d5!, exd5 23. e6!, fxe6 24. Sg5.

Die Spieler gerieten bereites jetzt in hochgradige Zeitnot (< 5 min.). Nach 28 Zügen entstand die folgende Stellung:

Ding, L – Grischuk, A

Stellung nach 28. …, Lxd5

Hier hätte 29. Sd8! zum sofortigen Zusammenbruch von Grischuk geführt! Der Zug erinnert stark an den Zug 37. Se8+ der Partie Kramnik – Aronian vom Vortag. Ding lies diese Möglichkeit allerdings aus und spielte 29. Sf4, wonach seine Stellung immer noch gewonnen ist. Nach weiteren furiosen taktischen Verwicklungen (29. …, Sc1!! nebst …, Sd3 usw.) entstand nach der Zeitnotphase im 42. Zug diese Stellung:

Ding, L – Grischuk, A

Stellung nach 41. …, Sgf7

Ding hat das Läuferpaar und eine Qualität für einen Bauern. Hier entschied er sich für 42. Lxe5?, was das Läuferpaar aufgibt. Ab hier war Grischuk wieder im Rennen. Gehen wir weitere 30 Züge voran:

Ding, L – Grischuk, A

Stellung nach 73. Tb7

Grischuk hat einen Freibauern auf der b-Linie und Springer + Läufer gegen Turm + Läufer. Sein Trumpf ist der Bauer auf g7, der ein Foranschreiten des weißen g-Bauern verhindert. Weiß muss also den Turm für den g7-Bauern opfern, wenn er etwas erreichen will. Es folgt 73. …, b1D 74. Lxb1, Sxb1 75. Txg7 und nun wäre 75. …, Lxg7?? 76. Kxg7 ein schwerer Fehler, denn Schwarz wird den Bauern g6 nicht mehr rechtzeitig stoppen können. Stattdessen folgte 75. …, Sc3 und der Läufer findet nun immer ein Feld auf der Diagonalen d4-h8. König und Turm können dem Läufer zusammen maximal vier Felder wegnehmen, also bleibt ihm immer ein Fluchtfeld. Ding überführte nun seinen König auf f7 und spielte dann Tf6 (jetzt blockiert der Turm die Diagonale), aber in diesem Fall war der Springer auf c3 nah genug, um sich für den Bauern zu opfern. Remis.

Die nächsten beiden Tage verbrachten wir noch mit Ausflügen in Berlin (mit sehr ausgedehnten Fußmärschen), während Jonathan sogar noch bis Rostock weiterreiste.

Für eine vollständige Analyse der Partie Ding, L – Grischuk, A empfehle ich die Analyse von Daniel King.

Bericht: Jonathan Simon

Bilder: Jonathan Simon und Marius Böhl