Der beste erste Zug

Darmstadt, 01.04.2019: Nur einen Tag nach der erfolgreichen Austragung des Qualifikationsturniers der Deutschen Amateurmeisterschaft im Schach (DSAM) macht die Wissenschaftsstadt Darmstadt erneut auf sich Aufmerkam. Laut unbestätigten Mediengerüchten zufolge sei Forschern der Arbeitsgruppe „Deep machine learning and neural networks“ unter der Leitung von M. Simon nun endlich der Durchbruch geglückt. Sie lösten ein Rätsel, welches die Menschheit schon beschäftigte seit es das Schachspiel gibt: Das Schachspiel. Demzufolge sei das jahrtausendealte als Nullsummenspiel mit vollständiger Information bekannte Spiel Schach nun auch vollständig gelöst. Laut M. Simon zufolge existiere „eine eindeutig bestimmte berechenbare Gewinnstrategie im Schach“ – „genau eine“ , wie der gewiefte Physiker präzisiert.

Ersten Einschätzungen zufolge werde das Wissen um die Lösbarkeit des Schachs das Spiel in noch drastischerer Form revolutionieren als der Sieg AlphaZeros gegen Stockfish Ende 2017. Die Konsequenzen, die sich aus den Entdeckungen der Forscher ergäben seien bislang noch nicht abzuschätzen. Zudem beständen moralische Unsicherheiten darüber, ob es überhaupt zulässig sei ein Spiel wettkampfmäßig zu spielen, bei dem derjenige, der anfängt immer gewönne.

Die ganze Schachwelt fragt sich nun also wie denn diese eindeutig bestimmte Gewinnstrategie aussähe. Wie lautet der beste erste Zug von Weiß, der sicher zum Gewinn führt? Die Antwort dürfte die Schachfreunde noch mehr erschüttern als die Bekanntgabe der Lösbarkeit des Schachs selbst. Es ist der Zug 1. b2 – b4!!. Dieser Zug leitet die als Sokolski oder Orang-Utan bekannte Eröffnung ein. Benannt wurde diese Eröffnung nach dem sowjetischen Schachgroßmeister Alexei Pawlowitsch Sokolski, den Namen Orang-Utan Eröffnung bekam diese von Savielly Tartakower, den angeblich ein Zoobesuch zu dieser Namensgebung inspirierte, da Orang-Utans an einem Baum genau wie der b-Bauer (Boris) am Brett emporklettern. Nach diesem genalien Eröffnungszug, der zwar das Zentrum komplett vernächlässigt, aber dafür eine schnelle Expansion am Damenflügel anstrebt und dem schwarzfelder Läufer die lange Diagonale öffnet, stünde Weiß, den Forschern zufolge, klar auf Gewinn. Die Engine Shallow Mind bewertet die Stellung nach 1.b2-b4 gar mit +2.35, d.h. der Anziehnde sollte ohne Probleme die Partie für sich entscheiden.

Der Zug 1.b2-b4!!

Das Diagramm steht für sich und zeigt die unglaubliche Kraft des Eröffnungszuges 1.b2-b4!!. Der b-Bauer strebt schnellen Schritts nach vorne, kontrolliert schon im ersten Zug die wichtigen Damenflügelfelder a5 und c5, er öffnet dem schwarzfelder Läufer die Diagonale a1-a8, der bald tödlich scharf über das ganze Brett blicken wird. Zudem besteht die Möglichkeit einer weiteren Expansion mittels b4-b5, wonach der Bauer sich wie ein stachliger Dorn noch weiter in die Reihen des Feindes frisst. Widerstand zwecklos. Der schwarze König (hier in rot gekennzeichnet) fühlt sich nach dem ersten Zug schon unwohl.

Experten gehen davon aus, dass in kürze 95% aller Schachpartien auf diese Weise eröffnet werden. Lediglich einige Moralaposteln würden sich weigern mit Weiß auf diese einfache Art und Weiße zu gewinnen, und anfangen wild sinnlos Figuren zu opfern, da sie auf diese Weise nicht gewinnen wollten. Wer hätte gedacht, dass nach dem unspaktulären 12 Remisen im letzten WM Kampf Schach noch unanttaktiver werden kann? In Zukunft werden wahrscheinlich alle WM Kämpfe 6-6 ausgehen, wobei jeder Spieler seine sechs Weißpartien mit 1.b2-b4 eröffnen und gewinnen wird. Die Schachwelt rätselt zur Stunde wie diesem Umstand Rechnung getragen werden kann. Einige Experten sprachen sich bereits für ein Ziehverbot des b-Bauern innerhalb der ersten 10 Züge aus. Schon ein Berührern des Bauern solle mit dem Verlust der Partie geahndet werden. Andere wiederrum sehen nun endlich den Durchbruch des Chess960 gekommen und plädierten dafür in Zukunft Chess959 zu spielen, die bis dahin normale Grundstellung solle nun nicht mehr mit ausgelost werden, um den Wettbewerb nicht zu verzerren.

Schwarzspieler aller Orten fragen sich natürlich nun, wie sie in Zukunft reagieren sollen, wenn sie auf den gefürchteten Zug 1.b2-b4!! treffen. Die meisten Großmeister raten in diesem Fall Energie für die nächste Weißpartie zu sparen und die Partie sofort aufzugeben. Sollten in Zukunft alle Spieler diesen Rat befolgen, so werden nach den oben genannten Zahlen 95% aller Schachpartien nur noch genau einen Halbzug dauern, die restlichen 5% würden Partien von wilden sinnlosen Opfern des Weißen sein. An erster Stelle stünde demzufolge die schon tausendfach gespielte Zugfolge 1.b4, b5 2. c3, e6 3. Da4!!?

Schon tausendfach gespielt. 3. Da4 in der Orang-Utan Eröffnung. Weiß will seinen Eröffnungsvorteil nicht auf diese Weise nutzen und bietet deshalb einen Dameneinsteller an.

Natürlich häufen sich nun landauf landab Meldungen derjenigen Spieler „die es schon immer gewusst haben wollen“. Bekannte Spitzenspieler wie Michael Scholz und Toni Kemmerer (beide SC Mömbris) schwören schon seit Jahren auf „ihre Orang-Utan Eröffnung“. Scholz führte uns gegenüber aus, dass er diese Eröffnung mit beständigem Erfolg schon seit vielen Jahren spiele und er sich immer über das unglaublich gute Abschneiden seiner selbst nach dieser Eröffnung gewundert habe.“ Aber jetzt ist mir natürlich so einiges klar geworden“ , gibt er lachend zu. Besonders eigne sich die Eröffnung demnach gegen besonders junge Spieler, die gerne die traditionellen Hauptvarianten, wie das altbackene Sizilanisch oder die langweilige Meraner-Verteidigung, spielten (indes Wörter, die bald der Vergangenheit angehören und in Vergessenheit geraten sein dürften). So mancher Spieler verlöre nachdem er diesem Eröffnungszug ansichtig wurde schonmal die Contenance, gibt Scholz weiterhin zu. Er erinnere sich an Spieler, die direkt am Brett in Tränen ausgebrochen seien. Ein älterer Herr hingegen habe, nachdem der Michael den Zug ausgeführt habe, nur laut gerufen „Was is’n des?!“ und promt 1. …, a5!? erwidert. Auch Kemmerer bestätigt, dass „der Orang-Utan meine Hauptwaffe in der aktuellen Saison ist“. Auch der deutsche Schauspieler Arno Schmidt schrieb schon 1959 in einem Brief, dass er „sogar einmal den Breslauer Meister Machate schlug – ein Name, der Herrn Schmid geläufig sein wird – und zwar mit b2–b4, meiner Leib-Eröffnung“ (Quelle: Wikipedia). Ganz so überraschend kommt die Entdeckung der Darmstädter in diesem Lichte betrachtet nun doch nicht.

Ein Partieformular mit 1.b4 und Weiß gewinnt. Bald ein geläufiges Bild in der Schachwelt.

Natürliche sprossen die Untervarianten der Sokolski Eröffnung nun nur so wie die Pilze aus dem Boden. Bekannt wurde bereits das Kemmerer-Susallek Abspiel, welches mit den Zügen 1.b4, e5 2. Lb2, Sf6 3. Lxe5, Sc6 4. Lxf6, Dxf6 5. Sc3 beginnt und in den Vereinsturnieren des SC Mömbris rauf und runter gespielt wird.

Das Kemmerer-Susallek Abspiel.

Nun besitzt Schwarz die Wahl zwischen 5. …, Sxb4 oder 5. …, Lxb4. Natürlich ist es im Grunde egal und er könnte genausogut jetzt schon aufgeben, denn die Position ist für ihn verloren.

Eine weitere Variante ist Simons Figurenopfer, eine Untervariante, in der nun Schwarz anfängt sinnlos Figuren zu opfern, da er wenigestens spektakulär verlieren will, wenn er schon verlieren muss. Die Varinate entwickelt sich aus dem Kemmerer-Susallek Abspiel aus der folgenden Stellung heraus:

Die Ausgangsstellung von Simons Figurenopfer.

Der sinnlose Zug …,Sd4 verfolgt den Plan nach Sxb4 diesen mit a5 zu befragen und danach …,Sc2+ zu spielen und nach Dxc2, …,Dxa1. Nach …,a5 ist die stärkste Erwiderung des Weißen f4 und nach …,Dxf4 einfach Sd3 oder Sd5 (mit Auge auf f2 bzw. c7) und er hat eine klare Mehrfigur. Eine kürzlich gespielte Blitzpartie zwischen A. Kemmerer und J. Simon in dieser Variante konnte zwar tatsächlich Schwarz für sich entscheiden, allerdings lag dies wohl eher daran, dass Kemmerer von dem Verlustwillen seines Gegenübers derat aus dem Konzept gebracht wurde.

Abschließend bleibt zu hoffen, dass sich die Entdeckung der Lösung des Schachspiels doch nicht zu negativ auf das unser geliebtes Spiel auswirken wird. Wir raten daher allen Schachspielern ausdrücklich dazu bewusst schwache Eröffnungszüge wie 1. d4? oder 1. e4? zu spielen, um das Spiel interessanter zu gestalten. M. Simon kündigte indes an, er wolle nun auch das Spiel Go lösen und sei bereits auf einem guten Wege.