Rückblick auf UEM 2018: Endspielaufgabe

Lange ist’s schon wieder her. Anfang April 2018. Ende März fiel sogar noch Schnee (siehe Schach im Dunkeln). Wir ahnten noch nicht, dass uns der Hitzesommer 2018 bevorsteht… Vom 02. April bis 07. April machten sich sieben Schachfreunde aus Mömbris auf nach Schweinfurt zur „Unterfränkischen“. Und zwar durchaus erfolgreich. Die Sensation schaffte Manuel Simon, der mit 7 aus 9 Punkten das Hauptturnier gewann, aber auch Marius Böhl, Michael Scholz, Markus Susallek und Jonathan Simon konnten in der M2 ganz gut glänzen. Leider gab es damals aus Zeitmangel keinen ausführlichen Bericht. Mehr oder weniger durch Zufall bin ich allerdings auf ein äußerst interessantes Endspiel gestoßen, dass sich in einer Variante der Partie Manuel Simon – Niklas Orf gleich in der ersten Runde im Hauptturnier ergeben hatte. Diese Analyse stehe daher stellvertretend für die anderen zahlreichen, sicherlich spannenden, Partien der Mömbriser Recken. 

Simon, M. – Orf, N.

Stellung nach 64 Zügen. Schwarz am Zuge.

Nach 64 Zügen entstand die folgende Diagrammstellung mit Schwarz am Zug. Es folgte zunächst 64. …, a4! Der Bauer kann natürlich nicht geschlagen werden wegen 65. bxa4??, Kxc4 -+. In der Partie folgte 65. Ke2??, was nach 65. …, axb3 66. axb3, Ke4! nebst …, f3 leicht verloren hätte. Es folgte aber 66. …, Kc3??, was sofort zum Remis führte. Weiß sollte sich daher eigentlich um eine Alternative im 65. Zug bemühen, da 65. Ke2?? offenbar sehr leicht verliert. Der König darf nicht wegziehen, sonst folgt immer …, Ke4 mit leichtem Gewinn für Schwarz. Kritisch ist nun mit 65. Sb6 um den Bauern anzugreifen. Dann ist 65. …, a3! der einzige Gewinnzug. Dann folgt 66. Sc4 (was sonst?! Andere Züge siehe unten). Damit erreichen wir die folgende Stellung.

Simon, M. – Orf, N.

Stellung nach 64. Sc4. Schwarz steht auf Gewinn.

Dies ist die eigentliche Ausgangsstellung unserer Aufgabe. Schwarz am Zug kann gewinnen. Der forgeschrittene Spieler sollte versuchen alle relevanten Varianten bis zum Gewinn auszuanalysieren.

 

 

Lösung:

Zunächst sieht 66. …, Kd3? sehr natürlich aus. Allerdings kann Weiß dann Remis halten und zwar mit dem einzigen Zug 67. Se5+, von wo aus der Springer nun den Bauer f4 im Auge behalten kann (er deckt das Feld f3). Nach 67. …, Kc2 kommt 68. Ke2, Kb2 69. Kd3 (nicht 69. Sd3+??, Kxa2 70. Sxb4+, Kxb3 -+), Kxa2 70. Kc2! und der König bleibt eingesperrt.

Auch ein Zug wie 66. …, Le7? führt nur zum Remis nach 67. Ke2. Nun kann der König das Feld f3 gefahrlos verlassen, da nach 67. …, Ke4 einfach 68. Sd2+ folgt und Schwarz erreicht nichts. Andererseits kann der Läufer nur von b4 aus das Feld d2 und den Bauern a3 bewachen. Also kann auch der Läufer nicht ziehen.

Der richtige Zug führt Schwarz in die andere Richtung, nämlich 66. …, Kd5!! Weiß ist im Zugzwang. Königszüge verlieren offensichtlich wegen …, Ke4 nebst …, f3 (und hier rettet auch Sd2+ nicht wegen Lxd2). Also 67. Sb6+, Kc5 68. Sc4 (was sonst?!) und jetzt 68. …, Kd4. Und nun ist die Anfangsstellung erreicht aber Weiß am Zug! Okay 69. Sb6 und jetzt erst 69. …, Kd3 70. Sc4, Ke2 71. Kb1 und jetzt ist 72. Kd3 am hartnäckigsten. Aber auch 72. Kd1 ist nicht einfach. Schwarz gewinnt in jedem Fall indem er Weiß in Zugzwang bringt.

Simon, M. – Orf, N.

Stellung nach 72. Kd1

Im Prinzip versucht Schwarz die Damenflügelbauern abzugrasen und eventuell mit dem f-Bauern nach vorne zu laufen, allerdings ist dies nicht so einfach. Das geradlinige 72. …, Kxa2 scheitert an 72. Kc2! und der schwarze König ist eingesperrt. Der f-Bauer wird vom Springer aufgehalten und Schwarz schafft es nie ein Tempo zu gewinnen, sodass der Läufer nie im richtigen Moment nach f4 kann um dem Springer alle Felder zu nehmen. Das liegt vor allem auch an dem weißen b-Bauern, der anfangen kann zu laufen. Beipspielhaft könnte z. B. die folgende Stellug entstehen (Variante siehe unten):

Simon, M. – Orf, N.

Nun kann der Springer wieder ziehen!

Der Läufer kann nur von f4 aus den Springer komplett dominieren. Müsste Weiß jetzt einen Königszug machen, wäre er klar verloren, da der schwarze König nicht länger eingesperrt bliebe. Allerdings ist jetzt wieder Se3 bzw Sd2 möglich! Fantastisches Schach! Wird er geschlagen läuft der Bauer durch und Weiß hat ein Dauerschach (siehe unten). Schwarz kommt nicht weiter. Die Stellung ist Remis.

Zurück zum obigen Diagramm nach 72. Kd1. Da …, Kxa2 verfrüht ist, ist 72. …, f3! ein Versucht wert. Danach ist 73. Se3 erzwungen und nach 73. …, f2 74. Sf1.

Simon, M. – Orf, N.

Stellung nach 74. Sf1. Wie geht es weiter?

Offenbar ist 74. …, Kxa2 wegen 75. Kc2 wieder fehlerhaft. Der Gewinnzug ist 74. …,Kb2!! Ein starker Abwartezug. Weiß hat nichts besserers als 75. Se3 (oder Sg3), Ld6 76. Sf1, Lf4 77. b4. Im Unterschied zu oben ist der schwarze König nun beweglich. Der einzige Gewinnzug ist 77. …., Kc3 78. b5, Kd3 79. b6, Ld6 80. b7, Lf4!

Simon, M. – Orf, N.

Nun geht Se3 oder Sd2 nicht mehr

Nun folgt auf 80. …, Sd2 oder 80. …, Se3 (was oben ja funktionierte wegen der Ablenkung) jetzt einfach LxSpringer nebst f1D#.

Kehren wir zurück zum 72. Zug. Hat Weiß mit 72. Kd3 (statt 72. Kd1) mehr Erfolg. Schließlich droht jetzt nicht mehr die Komplette Kaltstellung durch einen Läufer auf f4.

Simon, M. – Orf, N.

Stellung nach 72. Kd3

Dieser Zug hat allerdings einen anderen Nachteil, den 72. …, Kd1 nicht hatte! Zunächst ist 72. …, Kxa2?? wegen 73. Kc2 nicht möglich. Also wieder 72. …, f3!, 73. Se3 und nun 73. …, Ld6! 74. Sf1, Lf4!

Simon, M. – Orf, N.

Stellung nach 74. …, Lf4!

Schauen wir uns wieder den schon bekannten Marsch des b-Bauern an. 75. b4. Jetzt folgt ein anderes Motiv! Und zwar können wir diesmal ausnutzen, dass der weiße König die Grundreihe verlassen hat, und der Weg zum Königsflügel jetzt offen steht (beachte, dass z. B. 72. …, f2? auch verfrüht gewesen wäre, da sich dann der weiße König wieder mit Ke2 in den Weg stellen könnte). Es folgt also 75. …, Kc1! 76. b5, Kd1! 77. b6 (77. Se3+ verliert auch), 77. …, f2 78. b7, Ke1. Nun muss der Springer ziehen, Schwarz zieht ein, gewinnt den Springer und die Partie.

Simon, M. – Orf, N.

Stellung nach 78. …, Ke1. Es ist vollbracht.

Man beachte, dass in dieser Variante jeder Zug ein einziger Zug war! So ein Endspiel hat natürlich schon eine gewisse Schönheit. 😀

Anbei nochmal die komplette Analyse.

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