Endspielvorbereitung für die UEM Teil 5 – Der Durchbruch

Wir wollen uns nun einmal mit Bauernendspielen beschäftigen und wiederholen eine wohlbekannte Idee, welche oft zum Einsatz kommt, nämlich die Technik des Durchbruchs. Diese Beispiele sind für Anfänger als auch für Fortgeschrittene geeignet.

Die Theorie

Schauen wir uns folgenes Beispiel an. Ich entnehme es wieder dem Buch „Die Endspieluniversität“ von Mark Dvoreckij.

Weiß am Zug gewinnt mit einem Durchbruch.

Weiß gewinnt mit 1. b6! und je nachdem ob

a) 1. …, cxb6 folgt 2. a6!, bxa6 3. c6 oder

b) 1. …, axb6 2. c6!

Schwarz am Zug spielt natürlich 1. …, b6! um den Durchbruch zu verhindern.

 

Schauen wir uns ein etwas komplizierteres Beispiel an:

Hier besitzt Schwarz am Zug einen Durchbruch.

Schwarz spielt 1. …, c4! 2. bxc4 (auf 2. dxc4 folgt 2. …, a4 3. bxa4, b3 4. cxb3, d3 -+ und auf 2. Kg3 entscheidet 2. …, a4! 3. bxa4, b3 4. cxb3, c3), a4! 3. c5, a3 4. bxa3, bxa3 5. c6, a2 6. c7, a1D 7. c8D und die Bauern sind zwar gleichzeitig zu Damen geworden, aber Schwarz gewinnt leicht, indem er ins Bauernendspiel übergeht.

Schwarz gewinnt, denn er kann den Übergang ins Bauernendspiel erzwingen.

Es folgt 7. …, Df1+ 8. Kg3, Df4+ 9. Kh3, Df3+ 10. Kh2, Df2+! 11. Kh3, Dh4+ 12. Kg2, Dxg4+ 13. Dxg4+, Kxg4 14. Kf2, Kxh5 -+.

Schwarz gewinnt nun aufgrund des g-Freibauern.

Die Praxis

Spannender ist natürlich sich erneut ein Beispiel aus der Mömbriser Turnierpraxis anzusehen. Wann gab es hier einen Durchbruch? In diesem Fall war es eher ein verpasster Durchbruch!

Wir müssen wieder 10 Jahre in die Vergangenheit gehen, doch diesmal nicht zur UEM sondern zur internen Vereinsmeisterschaft des SC Mömbris. In der VM 2009 kam es nach 38 Zügen zwischen Toni Kemmerer mit den Weißen Steinen und Jonathan Simon zu folgendem Bauernendspiel:

Kemmerer, T. – Simon, J.

Schwarz am Zuge.

Das Material ist ausgeglichen, die Könige in der Opposition. Dennoch: Nach dem oben gesagten sollte der Schachfreund leicht erkennen, dass Schwarz die Durchbruchsidee verbunden mit …, b5 besitzt und sich dann entweder auf der a- oder der c-Linie ein Freibauer bildet. Das Problem ist, dass Weiß dann auch einen Freibauern auf der b-Linie bekommt, welcher schon sehr weit fortgeschritten ist, der schwarze König steht nicht im Quadrat des b-Bauern, der weiße König allerdings schon. Zu früh wäre daher 38. …, b5? 39. axb5, axb5 40. cxb5, c4 41. Ke3 -+ und der schwarze König ist nicht im Quadrat des b-Bauern. Daher wäre eine Idee 38. …, Ke7?, doch dann folgt 39. a5! und Schwarz hat kein Reservetempo mehr (aber nicht 39. Kg5?? wegen 39. …, b5! mit Gewinn). Auch 38. …, a5? ist schlecht wegen 39. Ke4, Kg6 40. Kf4, Kf6 und keine Seite kann mehr Fortschritte machen. Richtig ist nur 38. …, b6!, was ich auch in der Partie gespielt habe. Dann folgte 39. Ke4 (einziger Zug) und ich spielte 39. …, Kg6 und bot Remis, was Weiß annahm. In Wirklichkeit steht Schwarz aber auf Gewinn!

Kemmerer, T. – Simon, J.

Nach 39. …, Kg6 wurde Remis vereinbart. Schwarz hat allerdings einen klaren Gewinnweg.

Schauen wir uns die Varianten einmal an. Zunächst ist klar, dass Weiß nichts anderes hat als 40. Kf4, denn nach Zügen wie 40. Ke3? oder 40. Kf3? folgt 40. …, Kf5! und Schwarz gewinnt leicht, z. B. 40. Ke3?, Kf5 41. Kf3, a5! (jetzt ist dieser Zug gut, denn Weiß ist in Zugzwang) 42. Ke3, Ke5 -+. Nach 40. Kf4 spielt Schwarz 40. …, Kf6! (klar, die Opposition). Wiederrum hat Weiß nichts anderes als 41. Ke4 und erst jetzt 41. …, Ke7!

Kemmerer, T. – Simon, J. (Variante)

Variante: Stellung nach 41. …, Ke7!

Egal ob Weiß nun 42. Kd3 oder 42. Kf5 spielt, es folgt bald …, b5 und Schwarz gewinnt. Veruscht Weiß nach g6 zu gehen, so läuft er aus dem Quadrat des c-Bauern (der ja nach …., b5 ein Freibauer wird). Etwas hartnäckiger ist daher 42. Kd3, b5! 43. axb5, axb5 44. cxb5, Kd7.

Kemmerer, T. – Simon, J. (Variante)

Variante: Stellung nach 44. …, Kd7. Weißt kommt in Zugzwang.

Nun kommt Weiß in Zugzwang. Auf 45. b6 folgt 45. …, Kc8 46. Kc4, Kb8! und auf 45. Kc3, Kc7 46. Kb3, Kb6 47. Kc4, Kb6 mit Zugzwang und Schwarz gewinnt leicht. Ein sehr lehrreiches Beispiel, das verdeutlicht wie wichtig es ist, sich einige grundlegende Techniken des Endspiels anzueignen.

Anbei nochmal alle Varianten zum Nachspielen:

[Event "Vereinsmeisterschaft 2009 90min+30sek/Z"] [Site "?"] [Date "2009.??.??"] [Round "?"] [White "Kemmerer, Toni"] [Black "Simon, Jonathan"] [Result "1/2-1/2"] [Annotator "Simon,Jonathan"] [SetUp "1"] [FEN "8/1p6/p2p1k2/2pP3p/P1P2K1P/8/8/8 b - - 0 38"] [PlyCount "21"] 38... b6 $1 (38... a5 $4 $11 39. Ke4 Kg6 40. Kf4 Kf6 {und keine Seite kann Fortschritte machen.}) (38... b5 $4 $11 39. axb5 axb5 40. cxb5 c4 41. b6 c3 42. Ke3 $19 {und der schwarze König ist nicht im Quadrat des Bauern.}) (38... Ke7 $4 $11 39. a5 $1 {Schwarz hat kein Reservetempo mehr} ({nicht} 39. Kg5 $4 $19 b5 40. axb5 axb5 41. cxb5 Kd7 42. b6 c4 {denn nun ist der weiße König nicht im Quadrat}) ({auch} 39. Kf5 $4 $19 {verliert} b6 $1 40. Ke4 b5 41. cxb5 axb5 42. axb5 Kd7 43. Kd3 Kc7 44. Kc3 Kb6 45. Kc4 Ka5 $19) 39... Kf6 (39... Kd7 40. Kf5 Ke7 41. Kg5 Kd8 {aber auch Weiß darf den Bauer nicht nehmen} 42. Kxh5 $4 ( 42. Kf6 $11 b5 43. axb6 Kd7 44. b7 Kc7 45. Ke6 a5 46. b8=Q+ Kxb8 47. Kxd6 a4 48. Ke7 a3 49. d6 a2 50. d7 a1=Q 51. d8=Q+ $11) 42... b5 43. axb6 a5 {und der König ist nicht im Quadrat des Bauern}) 40. Ke4 Kg6) (38... Kg6 $4 $11 39. a5 Kf6 40. Ke4 Kf7 41. Kf5 Ke7 $11) (38... Kf7 $4 $11 39. a5) 39. Ke4 Kg6 { und hier bot Schwarz Remis an und Weiß nahm an. In Wirklichkeit steht Schwarz auf Gewinn! Denn:} 40. Kf4 {der einzige Zug.} (40. Ke3 $4 Kf5 41. Kf3 a5 42. Ke3 Ke5 $19 {und Weiß verliert leicht}) (40. Kd3 $4 Kf5 $19) 40... Kf6 $1 { Opposition} (40... Kf7 41. Kg5 $11) (40... a5 41. Ke4 $11) 41. Ke4 {alles andere verliert offensichtlich} Ke7 $1 (41... Kf7 $19 {ist auch möglich}) 42. Kd3 (42. Kf5 Kd7 43. Kg6 (43. Kf6 b5 44. axb5 axb5 45. Kf5 bxc4) 43... b5 44. axb5 axb5 45. cxb5 c4 {und Weiß ist nicht im Quadrat}) 42... b5 43. axb5 axb5 44. cxb5 Kd7 45. b6 (45. Kc3 Kc7 46. Kb3 Kb6 47. Kc4 Ka5 $22 $19 {Weiß kommt immer in Zugzwang}) (45. Kc4 Kc7 46. Kb3 Kb7 47. Ka4 Kb6 $22 $19) 45... Kc8 46. Kc4 Kb8 $1 47. b7 (47. Kb5 Kb7 $22 $19) 47... Kxb7 48. Kb5 Kc7 $19 1/2-1/2