sonstige Turniere

Open in Friedrichsroda vom 12.08.2015 – 16.08.2015

– Kriminalbericht Königsmord –

12.08.2015

Das kleine Provinzdorf Friedrichroda (50° 51′ N, 10° 34′ O) horcht auf. Angeblich wurden drei junge Bürger des Freistaates Bayern im tiefen Thüringer Wald gesichtet. Bei strahlenden Sonnenschein überquerten diese die (ehemalige) Grenze nach Ostdeutschland gegen 12:30 Uhr Ortszeit. Zeugen sahen diese gegen 14:00 Uhr in einer Pension abseits des Stadtzentrums verschwinden. Als gesichert gilt deren Auftauchen im Ramada Hotel in Friedrichsroda etwa eine halbe Stunde später. Dort fanden sich ca. 80 überwiegend männliche Personen zusammen, um dem königlichen Spiel zu frönen. Bei Schachspielern muss es sich allerdings um sehr lichtempfindliche Wesen handeln, war der große Saal doch komplett verdunkelt, sodass kein Sonnenstrahl seinen Weg ins Innere fand. Alsbald vernahmen wir Wörter wie Offizier, Kavallerie und Damenopfer, auch von einem indischen Angriff und einer Verteidigungsstellung in Frankreich (wörtlich: „französische Verteidigung“) war die Rede . Ein Zeuge versicherte uns nachhaltig ein Gespräch mit angehört zu haben, wonach ein Spieler „die Absicht habe eine (Berliner) Mauer zu errichten“. Alles sehr mysteriös…

Der erste Tote fand sich in Form des Fördervereins Schach Thüringen e.V., wobei die Indizien eindeutig auf einen Selbstmord hindeuten. Auf großzügige Spenden (vielleicht um die Bestattungskosten tragen zu können?!), wurde jedoch immer wieder mit Nachdruck verwiesen. Ein gewisser Schachfreund Preuße scheint zudem maßgeblich in diesen Fall involviert zu sein. Seltsame Dinge trugen sich auch nach dieser Trauerrede zu. Alle Beteiligten ließen sich auf ihren Plätzen vor einem meist hölzernen Schachbrett nieder. Alle Beteiligten? Nein! An Tisch 26 nahm ein älterer Herr vehement nicht Platz. Die genauen Gründe dafür sind uns nicht bekannt. Wir vermuteten zunächst, dass es sich um eine Art Einschüchterungsversuch handelte, zu dem auch die Begleiterin des älteren Herren – eine ältere Dame – ihren Beitrag leistete, indem sie sich über die gesamte Partie hinweg demonstrativ neben ihren Mann stellte. Zufällig handelte es sich bei dem Gegner dieses Herren um einen der erwähnten drei Bayern. Ob ein Zusammenhang zwischen dem Verhalten des Mannes und dem Herkunftsland seines Gegners bestand, konnte indes noch nicht klar ermittelt werden. Die Indizien deuten allerdings drauf hin, fand man besagten Herren in den folgenden Tag doch stets in (auf drei Kissen gebetteter) sitzender Position vor. Letztendlich gelang dem bayerischen Spieler jedoch der Sieg. Zeugen wollen gehört haben, dass sich der Bayer mit der Aussage brüstete, er habe die Holländische Verteidigungsstellung überwunden.

13.08.2015

Am nächsten Morgen vernahmen wir ein erneutes Lob auf den Genossen Preuße. Die klare Identifikation mit einer anwesenden Person war uns allerdings nicht möglich. Danach beobachteten wir den „Holländisch-Überwinder“, der sich an diesem Tag anscheinend mit einem Engländer herumschlagen mussten. Zumindest, wenn man den Spielern am Nachbarbrett Glauben schenken darf, die ein geschlossenes Englisches System erwähnten.

Der andere Bayer, Marius Böhl, ließ seine Chance Remis zu machen aus und verlor schließlich.

M. Böhl – P. Stürmer

Hier hätte 58. h4! statt 58. Td3?? das Remis gehalten

 

Dem dritten im Bunde, Kevin Trapp, gelang sein erster Sieg.

Um die Mittagszeit wurden die drei Bayern erneut gesichtet, wie sie sich planungslos in unkoordinierten Routen durch die Kleinstadt bewegten, offenbar auf der Suche nach Nahrung. Die Suche war schließlich, in Form von drei Thüringer Bratwürsten, mit Erfolg gekrönt.

Die Spur der drei verliert sich allerdings in den Abendstunden. Angeblich seien diese nach „Mochhold hinter den Totensümpfen“ aufgebrochen. Ein Ort dieses Namens konnte allerdings nicht ausfindig gemacht werden. Andere Quellen berichten während der Fußballpartie Erfurt – Dresden ein lautes Johlen und Jubeln vernommen zu haben, wie es nur ein echter Bayer ausstoßen kann. Uns scheint es allerdings sehr unwahrscheinlich, dass ein Spiel zweier Ostdeutscher Clubs dermaßen die Aufmerksamkeit dreier Bayern auf sich zieht, sodass diese Berichte als unglaubhaft angesehen werden dürfen.

14.08.2015

An diesem Morgen schien Jonathan weiter in Kontakt mit den Engländern zu verweilen. Verlässliche Quellen berichten, wie er sich über das „langweilige Londoner System“ beschwerte. Eine positionelle Ungenauigkeit im 16. Zug erschwerte sein Spiel allerdings erheblich. Gewinnen konnte er nur nach einigen taktischen Ungenauigkeiten des Gegners, der für sich den Schneckenpreis als langsamten Spieler in diesem Turnier beanspruchte.

Marius ließ indessen zum zweiten Mal seine Chance aus, die Partie in den sicheren Remishafen zu steuern. In folgender Stellung, wäre eine wundersame Rettung möglich gewesen:

A. Feicht – M. Böhl

27. …,d3!! 28. Lxe8 (28. Lxe6, Txe6 ändert nichts und 28. c3??, Dxa2), Txc2+ 29. Kd1, Tc1+! 30. Kxc1, Dc4+ 31. Kb1, Dxa2+ mit Remisschaukel

 

Der Nachmittag war frei, weshalb keine weiteren Auffälligkeiten festgestellt werden konnten. Uns liegen jedoch zahlreiche Fotos und Zeugenaussagen vor, aus denen hervorgeht, dass sich die drei in den Abendstunden mit einem kompletten Kasten Mineralwasser durch die Stadt bewegten. Wir gehen allerdings davon aus, dass es sich bei den Fotos um geschickte Fälschungen handelt, ist es doch allgemein bekannt, dass in Bayern das Weißbier als Grundnahrungsmittel angesehen wird und gegen jedes andere Getränk – insbesondere Mineralwasser – eine gewisse Abneigung vorherrscht!

 

Ist dieses angebliche Beweisfoto echt oder nur eine geschickte Fälschung?

 

15.08.2015

Die Wetterbedingungen haben sich deutlich verschlechtert, was die Ermittlungen sehr erschwert. Jonathan remisierte offenbar in einer vorbereiteten Variante, nachdem er einen „Bauern opferte“. Welche Gottheit er damit besänftigten wollte, ist allerdings unklar. Auch wurde keiner der ansässigen Landwirte als vermisst gemeldet.

Marius musste heute gegen den gestrigen Gegner von Jonathan antreten. Es entstanden hochkomplexe taktische Verwicklungen, als Marius schließlich fehlgriff. Ein Zwischenschach (c5+) hätte ihn gerettet und das tödliche …,Lb4+ verhindert. Der „Schneckenpreis-Gegner“ befand sich aber natürlich selbst in hochgradiger Zeitnot und fand den Gewinnzug nicht. Seltsam erschien uns aber noch ein weiterer Fakt. Beide Spieler führten ihre Züge mit hoher Geschwindigkeit aus. Beide hatten nur noch unter fünf Minuten Restbedenkzeit. Ein zunächst anwesender Assistent, der die Züge der beiden notierte, verschwand nach einiger Zeit aus ungeklärten Gründen. Auch die Rekonstruktion der Partie nach dem Blättchenfall schien der Schiedsrichter nicht für nötig zu halten, sondern ließ das Spiel einfach weiter laufen, wobei sogar auf die Zeit des bayerischen Spielers diskutiert wurden. Auch nach mehrmaligen Durchsehen der FIDE-Regeln ist uns kein Paragraph bekannt, der ein solches Vorgehen rechtfertigen würde, oder handelt es sich bei diesem Vorgehen um eine geheime „Ostregel“?

In der Nachmittagsrunde beging Jonathan schon in der Eröffnung einen so schweren positionellen Fehler (13. …, d5?), dass es zunächst schien, als würde er dem Tod begeistert entgegen gehen. Als er dann auch noch in folgender Stellung die Chance zur Rehabilitation ausließ, wurde der Fall immer mysteriöser…

M. Jeske – J. Simon

Statt 20. …, Sxa5? 21. Ta4, b5 wäre hier 20. …, Sxe5! 21. fxe5, Txf2 22. Kxf2, Lxe5 23. Ta4, Lxd4+ 24. Dxd4, Sxc2 25. Sxd5, exd5 26. Dxd5+, Kg7 =+ möglich gewesen.

 

Angesteckt von der Fehlerlust des Bayers setzte auch sein Gegner alsbald zu einem zweifelhaften Läuferopfer an, dass ihm in der praktischen Partie dennoch exzellente Gewinnaussichten bescherte, die er schließlich umsetzte.

Während dieser hochspannenden Begegnung, die schließlich in einem tragischen Königsmord gipfelte, entfernten sich die anderen beiden Bayern vom Spielort. Diesmal gelang es uns ihrer Spur zu folgen. Während sich diese vor Hunger schon fast auf dem Boden wälzten (anscheinend hatten sie ihren Vorrat an Weißbier bereits aufgebraucht), vergnügte sich Jonathan noch mit einer seeehhhr ausführlichen Analyse im Spielhotel. Man sah ihn danach schon unschlüssig vor einem Asiatischen Restaurant verharren, als er es sich doch nochmal anders überlegte und seine Kollegen mit dem Auto abholte. Danach stürzten sich alle drei wie ausgehungerte Löwen auf ihr Essen, dass sie wahrscheinlich auf eine Art und Weise verzehrten, die sie nicht in der Öffentlichkeit preisgeben wollten, verschwanden sie doch sogleich wieder in ihrer Unterkunft. Das scheint uns nicht weiter verwunderlich, ist der Bayer doch für seinen oftmals unvorstellbar großen Appetit und seine unangepassten Tischmanieren hinreichend bekannt. Seltsamerweise beweisen Überwachungsvideos der örtlichen Sparkasse und Raiffeisenbank deren erneutes Auftauchen in den späten Abendstunden. Es ist unklar, ob mit dem abgehobenen Geld unerwartete Wettschulden beglichen werden mussten, oder ob der Appetit doch so groß war, dass er die finanziellen Mittel der drei zu stark ausschöpfte.

16.08.2015

Wie auch immer die Ereignisse des Vorabends zu erklären sind, irgendetwas muss die drei in einen regelrechten Blutrausch versetzt haben. Ohne mit der Wimper zu zucken brachten alle drei den König ihres Gegenübers zur Strecke. Aber zumindest der König von Jonathans Gegner musste schon an schweren Depressionen gelitten haben, wie ist es sonst zu erklären, dass er sich in dieser Stellung ins eigene Schwert stürzte?

J. Simon – J. Deutsch

Nach 21. …, Dxf6 22. Dxh7+, Kf8 23. Sxb7 ist 23. …, Dh6! ein starker Zwischenzug. Nach dem Damentausch findet der Springer keinen Ausweg. Stattdessen war 21. …, gxf6?? 22. Dxh7+, Kf8 23. Dh8+, Ke7 24. Sf5# reiner Selbstmord.

 

Während der Siegerehrung vernahmen wir erneut einen preisenden Hochgesang auf Schachfreund Preuße. Offenbar handelt es sich dabei um eine Halbgottähnliche Person, die umnebelt von Mythen und Legenden im Schatten der Geschichte verweilt…

Leider haben sich die Wetterbedingungen gegen Nachmittag so stark verschlechtert, dass uns eine weitere Verfolgung nicht möglich war. Da uns aber seit diesem Tag keine weiteren ungewöhnlichen Vorkommnisse in Friedrichsroda gemeldet wurden (außer dem Fund zweier Getränkekartons ungenießbaren Inhalts), gehen wir davon aus, dass sich die drei wieder in heimische Gefilde zurück bewegt haben und schließen die Akten hiermit.

Hinweis: Die Ereignisse und Kommentare in diesem Bericht sind bisweilen sehr überspitzt, sarkastisch und stark übertrieben dargestellt. Bei den abgebildeten Diagrammen handelt es sich jedoch ausnahmslos um tatsächliche Partiepositionen. Die angegebenen Analysen und Bewertungen wurden geprüft.

Alle Ergebnisse gibt es auch auf Schachlinks.com.

Text, Bilder, Diagramme: Jonathan Simon

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